
St. Laurenzen ist die evangelische Stadtkirche von St. Gallen, am Rand des Stiftsbezirks und nur wenige Schritte von der katholischen Kathedrale entfernt. Fast drei Jahrhunderte lang war sie das politische und religiöse Zentrum der Stadtrepublik, und hier führte der Reformator Vadian St. Gallen weg von dem Kloster, aus dem die Stadt einst entstanden war.
St. Laurenzen auf einen Blick
- Wo: in der Altstadt, am Rand des Stiftsbezirks, zwischen der Marktgasse und der Kathedrale.
- Gebaut: eine erste Kirche wohl Mitte des 12. Jahrhunderts, belegt ab 1225; das heutige neugotische Aussehen stammt vom Umbau 1851–1854.
- Von: den Umbau entwarf Johann Georg Müller, ausgeführt hat ihn nach Müllers Tod Johann Christoph Kunkler; der Turm folgt Plänen von Ferdinand Stadler.
- Heute: die evangelisch-reformierte Pfarrkirche der Stadt, ein Kulturgut von nationaler Bedeutung und regelmäßig Ort für Orgelmusik und Konzerte.
- Zeitbedarf: 20–30 Minuten für Außenbau und Kirchenschiff.
Von der Stadtkirche zur Hochburg der Reformation
St. Laurenzen war bereits 1235 Pfarrkirche, gehörte aber lange zur mächtigen Fürstabtei St. Gallen, die sie 1359 inkorporierte. Als die Stadt durch das Leinen reich wurde, wollten die Bürger über ihre eigene Kirche bestimmen, und 1413 ging das Kirchenregiment an die Stadt über. Der Bau wurde zum Ort, an dem sich die Stadtrepublik versammelte, betete und entschied.
1524 beschloss der Rat unter Führung des Humanisten und Arztes Joachim von Watt, genannt Vadian, der später Bürgermeister wurde, die Reformation einzuführen. 1525 wurde die Kirche formell reformiert, 1526 entfernte man Bilder und Statuen, 1527 folgte das evangelische Abendmahl. Von da an lebten die reformierte Stadt und das katholische Kloster nebeneinander, getrennt durch eine Mauer. In den 1850er-Jahren wurde die mittelalterliche Kirche neugotisch umgebaut: Das Mittelschiff wurde erhöht, die Fassaden in gotischen Formen erneuert und der Turm erhielt seine heutige Gestalt.
Worauf du achten solltest
- Der Turm: ein viereckiger Schaft, der in ein achteckiges Obergeschoss übergeht und in einem spitzen Helm endet – eines der Wahrzeichen der Altstadtsilhouette.
- Die neugotischen Fassaden aus den 1850er-Jahren, ein bewusster Gegensatz zur barocken Kathedrale nebenan.
- Der helle, schlichte Innenraum, typisch für eine reformierte Kirche, ohne Altarbilder und Statuen.
- Die große Orgel von Orgelbau Kuhn aus dem Jahr 1979 mit 45 Registern auf drei Manualen und Pedal; eine Orgel ist hier schon 1511 belegt.
- Der Blick hinüber zu den Doppeltürmen der Kathedrale, der zeigt, wie nah sich die zwei rivalisierenden Welten waren.
Zwei Kirchen, eine Mauer
Jahrhundertelang war St. Gallen eine seltsame Doppelstadt: die reformierte Stadt rund um St. Laurenzen und das katholische Klostergebiet rund um die Kathedrale, jedes mit eigener Obrigkeit. Dazwischen verlief eine Mauer. Inzwischen ist das Verhältnis entspannter: 1995 und erneut 2006 wurden die neuen katholischen Bischöfe von St. Gallen in St. Laurenzen geweiht, weil die Kathedrale nicht genug Platz für alle Gäste bot.
Tipps für deinen Besuch
- Komm an einem Werktagvormittag, wenn es in der Kirche ruhig ist; während Gottesdiensten und Konzerten ist keine Besichtigung möglich.
- Halte Ausschau nach Orgelkonzerten – die beste Gelegenheit, die Kuhn-Orgel zu hören.
- Verhalte dich wie in jeder genutzten Kirche: Es ist eine Pfarrkirche, kein Museum.
- Verbinde den Besuch mit dem Stiftsbezirk nebenan und geh dann die Marktgasse hinunter zum Vadian-Denkmal.
In der Nähe
- Stiftsbibliothek: eine der ältesten Klosterbibliotheken der Welt, in einem barocken Saal, Teil des UNESCO-Welterbes Stiftsbezirk.
- Kathedrale St. Gallen: die barocke Klosterkirche mit ihrer doppeltürmigen Ostfassade, direkt nebenan.
- Vadian-Denkmal: die Statue des Reformators am Marktplatz, ein paar Gehminuten entfernt.
- Stadtlounge: das mit rotem Belag ausgelegte Open-Air-„Wohnzimmer“ im Bleicheli-Quartier, ein kurzes Stück von der Altstadt entfernt.
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