Das Herzstück der Gerechtigkeitsbrunnen ist die Statue der Justitia, der Frau des Rechts. Diese lebensgroße, bunt bemalte Figur, die der Bildhauer Hans Gieng 1543 schuf, trägt ihre traditionellen Attribute: ein Schwert in der rechten Hand, das die Macht zur Durchsetzung des Rechts symbolisiert, und eine Waage in der linken Hand, die Ausgewogenheit und Fairness symbolisiert. Was diese besondere Statue einzigartig und historisch bedeutsam macht, ist ihre Augenbinde, die zu jener Zeit ein innovatives Element war. Die Augenbinde ist kein Zeichen der Unwissenheit, sondern der Unparteilichkeit, denn sie bedeutet, dass die Gerechtigkeit ohne Ansehen des Standes oder des Vermögens einer Person ausgeübt werden sollte.
Zu Füßen von Lady Justice blicken vier kleinere Büsten mit geschlossenen Augen nach oben. Diese Figuren stellen die vier irdischen Mächte dar, wie sie in der Renaissance verstanden wurden: einen Papst (Theokratie), einen Kaiser (Monarchie), einen Sultan (Autokratie) und einen lokalen Beamten oder Schultheiss (Republik). Ihre geschlossenen Augen und ihre unterwürfige Haltung symbolisieren die höchste Autorität der Gerechtigkeit über alle Formen irdischer Macht. Das Ensemble diente während der Reformationszeit als eindringliche Erinnerung daran, dass alle menschliche Autorität, selbst die höchste, dem göttlichen Gesetz und der Gerechtigkeit unterworfen ist.

Ein Meisterwerk der Berner Renaissancekunst
Der Gerechtigkeitsbrunnen ist mehr als nur ein öffentliches Denkmal, er ist ein Paradebeispiel der Schweizer Renaissancekunst. Der Brunnen selbst besteht aus einem achteckigen Steinbecken und einer zentralen Säule, die mit einem Akanthusfries geschmückt ist. Mit seiner Kunstfertigkeit und Symboltiefe hebt er sich von den anderen elf Berner Figurenbrunnen ab, von denen die meisten ebenfalls von Hans Gieng geschaffen wurden. Der Einfluss von Giengs Werk war so gross, dass das ikonische Bild der Gerechtigkeit in der ganzen Schweiz bis ins 17. Der Gerechtigkeitsbrunnen ist der einzige Berner Brunnen, bei dem alle ursprünglichen Gestaltungselemente erhalten geblieben sind, und er ist als Kulturerbe von nationaler Bedeutung anerkannt.

Die turbulente Geschichte des Brunnens
Obwohl der Gerechtigkeitsbrunnen schon seit Jahrhunderten steht, ist er nicht vor Unruhen gefeit gewesen. Die ursprüngliche Statue wurde 1986 mutwillig zerstört, vermutlich von einer militanten Separatistengruppe. Die heutige Statue ist eine sorgfältige Nachbildung, die die Details und den Geist von Giengs ursprünglichem Meisterwerk originalgetreu bewahrt. Durch diese Restaurierung wird sichergestellt, dass die reiche Geschichte des Brunnens und seine kraftvolle Botschaft der Gerechtigkeit die Besucher auch heute noch inspirieren.
Der Gerechtigkeitsbrunnen ist nach wie vor eines der meistfotografierten Wahrzeichen von Bern. Er bietet nicht nur ein erfrischendes Getränk, sondern auch einen tiefen Einblick in die Vergangenheit der Stadt und spiegelt die Werte wider, die ihre Identität seit mehr als fünf Jahrhunderten geprägt haben. Egal, ob Sie sich für Geschichte oder Kunst interessieren oder einfach nur durch die malerischen Straßen der Stadt schlendern, dieser herrliche Brunnen ist ein Muss. Mit seiner Lage an der Gerechtigkeitsgasse befindet er sich zudem im Herzen der charmanten Berner Altstadt, umgeben von Cafés und Geschäften, die zum Verweilen und Geniessen einladen.

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